UNENDLICHE FARBWELTEN

DIE MELODIE DER FARBE – SONNENGELB, WIE EIN KLAVIER

Unendlichkeit – ein Begriff mit gleich zwei Deutungsmöglichkeiten! Einerseits bezogen auf die Idee, dass es nicht Anfang und nicht Ende gibt; andererseits spielt der Begriff „Unendlichkeit“ an auf eine nicht enden wollende und sollende Zahl von Möglichkeiten.

Wenn wir uns hier umschauen, erfüllt uns diese Fülle mit Freude, ja Glück. Sehnsucht und Glück – das sind zentrale Themen von Andrea Langensiepens Arbeiten. „Das Glück ist ein Grasfeld“ – so heißt eine der beiden Arbeiten. Macht uns das nicht ein wenig jene hüpfende Freude spüren, die uns beispielsweise allein das bloße ERINNERN an Frühlings- oder Sommertage bescheren?

Andrea Langensiepen schafft mit ihren Arbeiten Sehnsuchtsorte auf Leinwänden. „Alles, was ich gegeben habe, ist im Bild. Schicht um Schicht. Selbst wenn ich 20 Schichten habe, ist der eine Moment noch da, auch wenn er übermalt ist. Das hat eine Bedeutung. Wenn ein Bild „klingt“, hat es immer mehrere Schichten. Ich bin überzeugt, dass auch die unteren und übermalten Schichten Einfluss auf die Wirkung der Bilder haben.“ – sagt die Künstlerin.

Farben und Farbklänge können auf diese Weise Geschichten erzählen aus dem grenzenlosen Land der Erinnerung. Unserer Erinnerung! Fragt man Menschen bei der Betrachtung eines Werkes, ob diese oder jene eine warme Farbe ist oder eine kühle, wird man sehr unterschiedliche Antworten bekommen. Versuchen Sie selbst. Dennoch gibt es Annäherungen.

JEDE FARBSCHICHT HAT EINFLUSS AUF DIE WIRKUNG

Erlauben Sie mir an dieser Stelle einen kurzen Ausflug in die MELODIE der Farbe. Wassily Kandinsky, der als Synästhetiker die Fähigkeit hatte, den Klang der Farbe nicht nur SEHEN, sondern auch HÖREN zu können, hatte folgende Wahrnehmung: ZITRONENGELB klingt für ihn beispielsweise eine Trompete! SONNENGELB – wie wir das bei Andrea Langensiepens herrlicher Komposition „EMPIRE OF SUN“ erleben können – da hörte er ein Klavier. Bei BLAU-Nuancen tönten für ihn Flöten als HELLES BLAU, Cello als DUNKLES BLAU, und die Orgel dann als TIEFES, FEIERLICHES BLAU.

Die wunderbare Arbeit „Das große Blau“ von Andrea Langensiepen gibt uns facettenreich Gelegenheit herauszufinden, was es mit der Farbe BLAU auf sich hat. Durch die Gesamtorchestrierung dieses Meisterwerkes des feinen und zugleich gewaltig sanften Klanges, mag auf den ersten Blick die Deutung von BLAU als Farbe der unendlichen Weite und Sehnsucht passend erscheinen. Und so vielfältig dieses Gefühl auftreten mag, von melancholischen bis zum in sich ruhenden Blau, vom feinen Ziehen in der Seele bis zur feierlichen Freude – Blau kann unzählige Empfindungen wecken.

Im Christentum stand Blau übrigens als Farbe des Himmels schon immer mit dem Göttlichen, dem Überirdischen in Verbindung, als „weibliche“ Farbe wurde sie der Jungfrau Maria zugeschrieben. Blau symbolisiert darüber hinaus das Irreale, die Welt der Träume.

DAS ZUSAMMENSPIEL DES UNBEWUSSTEN
MIT WAHRNEHMUNG UND HANDLUNG

Und die Farbe ROT? Kandinsky ordnete Rot Tuben zu oder auch Fanfaren. In jedem Fall gilt Rot als Farbe der Leidenschaft, der Liebe. In den monotheistischen Religionen steht Rot für die Erschaffung der Menschheit, weckt Assoziationen von loderndem Feuer und Glut, auch im metaphorischen Sinn. Und bei Andrea Langensiepen? Betrachten wir die wunderbare Serie MORPHEUS! Morpheus (griechisch Μορφεύς) ist der Gott des Traumes und einer der Söhne des Hypnos, dem Gott des Schlafes. Morpheus überbringt die Botschaften der Götter während der Nacht als Traum. Dabei kann er sich in alle möglichen denkbaren Gestalten verwandeln, ob Mensch, Tier oder Gegenstand.

So mögen uns bei Andrea Langensiepen diese Arbeiten vielleicht ein wenig verführen in die Welt der INTUITION, der Träume, des Loslassens. Andrea Langensiepen ist Vertreterin der informellen Kunst, einer abstrakten freien Farbmalerei. Das Unbewusste ist als unentdeckter Kosmos in ihren Arbeiten allgegenwärtig. Nicht direkt zugänglich und doch alles beeinflussend, lenkt es Wahrnehmung und Handeln. Ihre Kunst vermag so ein breites Spektrum intensiver Gefühle wecken – versuchen Sie es selbst!

Auf besondere Weise scheinen Andrea Langensiepens Gemäldekompositionen Fragen zu initiieren, von denen der Betrachtende noch gar nicht wusste, dass sie ihn beschäftigen. Die Werke der Künstlerin lassen auf unergründliche Weise zu, Ihnen als Betrachter sehr nahezukommen, den Wunsch aus, „zu verweilen“, finden und begleiten behutsam zu verborgenen inneren Schätzen, setzen Schicht um Schicht etwas in Bewegung, ein Vibrieren, eine sanfte innere Schwingung, die im Fluss von Ankommen und Loslassen leise flüstert.

RESPEKT, DANKBARE WERTSCHÄTZUNG
UND FREUDESTRAHLENDE LEBENDIGKEIT

Ihre Entscheidung, ohne Perspektive auszukommen, ihr Gefühl für notwendige, wohltuende Störungen und spannende Ereignisse ist das eine. Ihr brillantes Gespür für Farbklänge jedoch ist ebenso einzigartig wie schwer zu beschreiben. „Ich male, bis ich den Farbklang spüre“ – sagt Andrea Langensiepen, deren künstlerischer Werdegang geprägt ist durch Einflüsse von Hermann Nitsch, Peter Casagrande und Markus Lüpertz, bei dem sie auch Meisterschülerin war.

Das immer wieder sich Auf den Weg machen, neu loslösen von Bestehendem oder gerade erst Entdecktem, Erobertem, scheint Andrea Langensiepens schöpferischen Kreationen den Raum zu geben, zu Werden. Andrea Langensiepen kreiert in ihrer Qualität und Poesie spektakuläre Werke, die sowohl die eigene künstlerische Existenz als auch das fragile menschliche Leben im Allgemeinen befragen, jedoch voller Anmut und Leichtigkeit nimmt sie uns dabei mit auf ihre doch oft romantischen Erkundungen. Über allem scheint unstillbares, Interesse an dem, was sich unter der Oberfläche befindet, zu liegen, sowie tiefer Respekt, dankbare Wertschätzung und eine große freudestrahlende Lebendigkeit.

Und weil sie so wunderschön sind, möchte ich noch einmal Eingehen auf ihre Titel: „Der Abendwind eilt flüchtig über die Gräser“ oder „Ich warte auf Dich am See III“, das ist jene Arbeit, die neu und stark reduziert daherkommt in ihren herrlichen Rosé-Nuancen oder die beiden aufwühlend beschwingenden und dann gleich wieder besänftigenden Werke „Liebe das Leben“. Wer möchte solche farbklingenden Szenarien nicht unmittelbar betreten und in ihnen spazieren – für immer und ewig?

EIN DIALOG VON TRAUM UND WIRKLICHKEIT

Mit ihrer Überlagerungstechnik schafft Andrea Langensiepen räumliche Dimensionen, die durch die Verschmelzung von Farben eine visuelle Tiefe erzielen. Stimmungen und Sehnsüchte, Impressionen und Irrungen drücken sich so aus in Farben, die im Gesamterleben des Werkes und dessen künstlerischer Logik voller Freigeistigkeit und Frische sprudeln, und so beim Betrachter jene Sehnsuchts-Sphären öffnen, bei denen schlussendlich Farbe alles ist, und „das Bild mehr als ein Bild“. Ein aufregendes Erlebnis hier und heute im musealen Kunstraum. Im Dialog von Sichtbarem und Unsichtbarem, Traum und Wirklichkeit, Innen und Außen in dieser großartigen Ausstellung ein Miteinander ganz eigener Dimensionen.

Die Künstlerin lässt uns teilhaben an ihren Emotionen und so in unsere eigenen Welten eintauchen. Eine wunderbare Reise durch die Farblandschaften der Seele und eine klangvolle Farb-Sinfonie im musealen Kunstraum. Als Wassily Kandinsky seine ersten abstrakten Bilder malte, bezeichneten die zeitgenössischen Kunstkritiker ihn als verrückt. Dabei war seine Idee nichts weniger als die menschliche Seele zu berühren! Und sie werden mir recht geben – die Künstlerin Andrea Langensiepen erreicht dies in hohem und dichtem Maße – das Berührtsein bei der Begegnung mit ihren Werken hallt noch lange nach. Kein Wunder, dass Kunstliebhaber und Sammler sich spontan verlieben in diese Arbeiten!

Andrea Langensiepens Gemälde wohnt farbzart klingende Seele inne, die Kompositionen nehmen den Betrachter behutsam mit zu einer ganz persönlichen inneren Erkundung, sind oder werden ihm vertraut. Eine ruhige Klarheit. Ein Lächeln. Tiefliegendes, Unbewusstes kommt an, ruhige, leise, oder jubelnde Glücksgefühle –  Andrea Langensiepens sehnsuchtsvolle Bilderlandschaften Freier Malerei sind mit dem Pinsel geflüsterte Versprechen.

© Cristina Streckfuß, BA, MBA | Laudatorin
KUNSTRAUM GERDI GUTPERLE | Viernheim, März 2024

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